Dornröschen 2011:
19. April 2011
Jetzt geht es um den Motor. Er ist bald bereit für den Zusammenbau.
Wie geschrieben, habe ich ihn glasgestrahlt. Ich werde hier versuchen
aufzulisten, was sonst noch passiert ist.
Alle Kugellager wurden erneuert. Ich habe sie bei einem Spezialisten gekauft (
ekugellager.de)
und die sieben Lager bekommt man für ungf. 45 Euro - für den ganzen
Stapel. Sie raus zu bekommen war einfach. Die Motorenhälften habe ich
in einen kalten Ofen gesteckt und sie auf 150 Grad erhitzt. Bei dieser
Temperatur habe ich die Hälften heraus genommen. Die meisten Lager sind
von selbst herausgefallen und den Rest konnte ich mit einem Dorn per
Hand ausdrücken. Als die neuen Lager hinein mussten, habe ich wieder
die Motorenhälften aufgewärmt. Die Lager wurden vorher in die
Tiefkühltruhe gelegt, deshalb war es ganz einfach sie zu montieren.
Solltest du überlegen, diese Aktion in der Küche nachzumachen,
empfiehlt es sich, das Motorgehäuse wirklich sauber zu machen, sonst
wird der Ofen lange danach stinken. Ich verwende alkalische Seife
(Universalreiniger). Vom Geruch her ist es viel angenehmer (und für die
Gesundheit besser) als organische Lösungsmittel. Es ist
selbstverständlich weniger effektiv und bedeutet deshalb ein bisschen
mehr Knochenarbeit.
Das Gleitlager habe ich nicht erneuert, das heißt, folgendes habe
ich getan: Mit der Zeit habe ich einiges an Teilen gesammelt, und ich
habe im großen Ganzen einfach die besten Teile genommen, die ich habe.
Das heißt u. a., dass das Getriebe von einem K-Motor ist, die
Kickstarterwelle auch; und nicht zuletzt die Kurbelwelle und das
Gleitlager sind aus dem gleichen Motor. Das Lager ist in so einem guten
Zustand, dass es schade wäre es nicht auszunutzen. Die Kurbelwelle hat
jedoch ein bisschen Arbeit verlangt. Obwohl die Pleuellager immer noch
innerhalb der Toleranzen waren, waren sie an der Verschleißgrenze.
Gleichzeitig war der Hubzapfen ein bisschen unrund, also wurde sie zum
Schleifer geschickt und neue Lagerschalen wurden gekauft. Diesmal
wurden sie bei NLM gekauft, wo sie (ganz außergewöhnlich) am billigsten
waren. 10 Euro das Stück! Ich habe auch die Pleuel ausgewuchtet. Da war
ein Unterschied von 16 Gramm zwischen den beiden, also musste ich ganz
viel schleifen. Ich habe versucht die Dimensionen und das Gewicht
gleichmäßig zu halten: Komplett, die einzelne Teile und die Balance in
der Pleuelstange (d. h. kleines Pleuelauge wiegen). Nach mehreren
Aussagen soll das Auswuchten der Pleuel von größter Bedeutung für eine
ruhige Laufkultur und die Leistung sein. Noch ein Vorteil mit einer
K-Kurbelwelle sind die ausgewuchteten Kontergewichte (vergleiche
eventuell mit dem Foto vom alten Typ in vorigem Eintrag). Wenn man es
perfekt machen sollte, müsste man selbstverständlich der Kurbelwelle
eine dynamische Auswuchtung geben, ist aber ein bisschen teuer. Es gibt
selbstverständlich vieles andere, das ich auch hätte machen können,
wenn ich Zeit, Geld und das richtige Werkzeug hätte. Aber alles in
allem erwarte ich eine "seidenweiche" Laufkultur (so weit es mit einem
alten Stösselstangen-V2 möglich ist ;o) und eine positive Einwirkung
auf der Leistung des Motors.
Da das Getriebe auch ausgebaut war, muss die Funktion kontrolliert
werden. Für diese Arbeit gibt es ein originales Werkzeug, das ganz
einfach eine rechte Gehäusehälfte mit Schaulöcher ist. Hartmut ist aber
auf die Idee gekommen, ein Blech mit Löcher für die Wellen zu machen.
Mit dem kann man sehen was vor sich geht und gleichzeitig einstellen.
Stefan Bigalke hat eine Zeichnung gemacht und Michael Wehe (der auch
die schönen Krümmermutterschlüssel gemacht hat) hat dann vor einiger
Zeit einige von diesen Getriebeschablone gefräst. Da ich zur diesem
Zeitpunkt keine brauchte, habe ich beschlossen eine zu kaufen, wenn
Michael wieder welche machen würde. Mittlerweile hat er einen anderen
Job bekommen und kann sie leider nicht mehr machen (und auch keine
Krümmermutterschlüssel)!! Ich habe deshalb versucht eine zu borgen,
aber da keiner sich gemeldet hat, habe ich die Sache wortwörtlich in
eigene Hände genommen: Ich habe ganz einfach die Schablone selbst
gemacht. Großer Einsatz für ein kleines Werkzeug. Zwei von den Löchern
konnte ich mit einem Stufenbohrer machen, aber die anderen zwei musste
ich per Hand feilen, da ich keine Bohrer in den richtigen Größen habe.
Darüber hinaus müssen alle vier Löcher untereinander in allen Massen
innerhalb von zwei Zehntel liegen, also wurde gebohrt, gefeilt,
gemessen, gebohrt, gefeilt, gemessen zigtausend Mal bis die Toleranzen
eingehalten wurden. - Ein Maß ist genau auf der Grenze, aber der Rest
ist unter einem Zehntel vom Maß, ist also wahrscheinlich gut genug! Die
Einstellung ist simpel, einfach den Zeichnungen im
Werkstatthandbuch
folgen. Aber Achtung, da steht ein bisschen Unsinn oben auf Seite 86.
Wenn man den Totpunkt der Schaltgabel einstellt (fig. 159), wird es
selbstverständlich gemacht, indem man den Beschlag verschiebt. An
dieser Stelle im Buch ist es formuliert, als ob man die Federenden
biegt. Diese werden nur gebogen wenn der Zapfen am Beschlag und der
Zapfen am Schalthebel die Federenden gleichzeitig nicht berühren (fig.
160). Unten auf der Seite ist es jedoch richtig formuliert.
Ich musste übrigens die Löcher im Beschlag ein bisschen vergrößern, da ich ihn nicht ausreichend verschieben konnte.
Ein bisschen mehr über das Getriebe. Letztes Jahr auf meiner
Morini-Tour habe ich erlebt, dass die Schaltung sehr stramm wurde, aber
nur wenn die Temperatur wirklich hoch wurde und der Motor ordentlich
warm. Ich habe ein bisschen mit Hartmut darüber gesprochen, und er
schlägt ganz einfach vor, eine Papier-Dichtung zwischen die
Gehäusehälften zu legen. Die originale Silikon-Dichtung hat ungefähr
eine Stärke von zwei Zehntel. Meistens wird nur eine dünne Schicht
Silikon verwendet - so auch bei meinem Motor, der schon mal geöffnet
wurde. Vielleicht fehlen die zwei Zehntel. Ich habe aber auch ein
anderes Problem entdeckt. Irgendwann (nicht in meiner Zeit) wurde ein
Stückchen vom Gehäuse von der Kette abgeschlagen (siehe Foto). Der
Schaden hatte unmittelbar keine Bedeutung - oder doch. Bei der näheren
Inspektion habe ich nämlich eine Druckstelle entdeckt- in der
Wellenführung auf der Innenseite - genau die Führung für die
Schalttrommel. Das kann also auch die Ursache für die zeitweilige
stramme Schaltung sein. Diese Einpressung habe ich selbstverständlich
entfernt. Obwohl ich Gehäusehälften habe, die in besseren Zustand sind,
werde ich die behalten, die zu Dornröschen gehören - ganz einfach, weil
da eine Motornummer eingeprägt ist - (gleich mit der Rahmennummer). Es
gibt nur wenige Motoren mit Nummer.

Zylinder
und Kolben: Die Zylinder sind auf 67 mm aufgebohrt. Dieses ist ein
Projekt, das unglaublich lange unterwegs war - es wurde eigentlich für
meine erste Morini geplant. Lange Geschichte, kurze Rede: nach nur 75
km hatte ich ein Kolbenklemmer. Ich musste dann einen Übermaß-Kolben
finden und der Zylinder musste aufgebohrt werden. Das hat eine Weile
gedauert, weil der Kolben nicht lieferbar war. Dann hatte ich
eine Tragödie
und habe das Projekt auf Eis gelegt. Ich wollte Dornröschens Motor bis zum Äußersten ausnutzen - was ich ja jetzt getan habe.
Kolben
sind Lupo-Kolben (Motortyp AER). Die haben die richtige Größe,
Kolbenbolzen, Gewicht, fast perfekte Kolbenboden usw. Nur muss man
Ventil-Mulden fräsen. Als ich ursprünglich das Projekt anfing, war es
bei Stefan. Er hat eine kleine Fräsmaschine, mit der wir es gemacht
haben. Aber ich habe von mehreren gehört, die es einfach mit einem
Dremel o. a. gemacht haben. Ein großer Vorteil der Lupo-Kolben ist,
dass sie relativ preiswert sind - jedenfalls wenn man mit den anderen
Lösungen vergleicht (z. B. von DDD, NLM oder Tritsch). Kosten sind
ungefähr die Hälfte davon.
Ich habe auch die Kolben ausgewuchtet. 5 Gramm Unterschied hatten sie.
Da ich auch die Pleuel ausgewuchtet habe, wäre es ja blöd nicht das
auch zu machen.
Köpfe: Wieder habe ich das Beste genommen was ich habe. Ich fand
ein paar mit sehr guten Ventilen und Ventilführungen. Ventile/Sitze
wurden eingeschliffen. Kanäle wurden so geschliffen, dass Kanten, Grate
und Übergänge entfernt wurden. Kipphebel sind wieder die besten, die
ich habe. Druckflächen wurden poliert und neue Buchsen und Wellen sind
bestellt. Hoffentlich sind sie bald hier.
Das große Primärantriebsrad ist ja ein ordentlicher Klumpen
Gusseisen und wiegt ja auch ordentlich viel. Ich habe angefangen
Erleichterungslöcher zu bohren, aber das Material ist ein bisschen hart
und ich hatte Probleme damit. Deshalb habe ich meinen Kumpel, der
Werkzeugmacher ist, gebeten, die Löcher zu fräsen. Das hat das Gewicht
um knapp 200 Gramm reduziert.

Darüber
hinaus habe ich eine M-Nocke bekommen. Die findet man u. a. in der
Dart. Sie hat kürzere Öffnungszeiten als die Sport-Nocke, dafür aber
größeren Hub. Das gibt mehr Drehmoment im mittleren Bereich, was im
Alltag mehr tauglich ist.
Zum Einstellen der Steuerzeiten braucht man einen Gradmesser. Ich habe
einen ganz simplen aus einem CD mit angeklebtem Label gemacht. Die
Skala habe ich im Netz gefunden. Der Zeiger ist aus einem Stück
Edelstahl-Draht gebogen. Alles hatte ich im Haus, also einfach und fast
kostenlos!
Ich habe überlegt, die Kupplung neu zu kaufen. Aber wieder habe ich so
viele gute Scheiben und Federn gefunden. Die dicksten und
fehlerfreiesten Scheiben und längsten Federn wurden ausgewählt.
Ich habe ein bisschen Probleme beim Warm-Starten gehabt, was ja oft von
einem schwachen Magnetfeld stammt. Ich hatte aber die Überzeugung, dass
dies nicht der Fall bei mir war, weil ich früher das Polrad bei Bo
gemessen habe. Sicherheitshalber habe ich es mit meinen Anderen
verglichen, und es war in der Tat nicht besonders gut. Jedenfalls habe
ich ein Polrad gefunden, das wesentlich besser war. Der Vergleichstest
war simpel und nicht besonders wissenschaftlich: Wie fest eine
Rohrzange o. a. können die Magnete halten?! Das gute Polrad wurde
glasgestrahlt, poliert und zu den guten Sachen gelegt - mal sehen ob es
den Problemen beim Warm-Starten abhilft.
Gestern habe ich die Kurbelwelle zum Schleifen gegeben und mir
wurde versprochen, dass sie vor Ostern fertig ist. Ich hoffe deshalb,
dass ich den Motor im Ostern zusammengebaut und gestartet haben werde.
Aber, mal sehen wie viele Hindernisse es bis dahin noch gibt...